Ausstellung

Geisterstadt

Geisterstadt
Bildwelten im Dialog: Edwin Zaft und Tobias Zaft

28. Februar bis 11. April in der Drostei
ab 17. Januar ist bereits die Lichtinstallation „dresscode“ von Tobias Zaft im Drosteipark zu sehen.

Als Vater (Edwin Zaft) und Sohn (Tobias Zaft) schaffen beide Künstler einen generationsübergreifenden Ausstellungskontext, der von Malerei und Objekten bis hin zu multimedialen Installationen reicht.

In Zeiten sozialer Distanzierung und leeren Veranstaltungshallen, kommt die Lichtinstallation „Dresscode“ von Tobias Zaft dem Publikum entgegen, die sie sich als überdimensionale Wäscheleine unübersehbar im Außenbereich auf der Drostei-Wiese weiträumig ausdehnt. Gespenstisch schweben die strahlend weißen Hemden, Unterhosen und BHs wie Relikte einer vergangenen Zivilisation in luftiger Höhe. Die leuchtende Unterwäsche ist nach Aussage des Künstlers ein Symbol für die zunehmende Auflösung des privaten Raumes im Zuge der Digitalisierung. Zur Corona-Pandemie erscheint dieses Thema umso aktueller, da hier persönliche Daten von elementarer Bedeutung für die Kontaktverfolgung sind. In den Jahren zuvor war die Installation in der Mönckebergstraße Hamburg (Levantehaus 2013), anschließend in der Bremer Innenstadt (Stadtbibliothek 2013) sowie in Rendsburg (NordArt 2013-2015) zu sehen.

Ebenso spektakulär geht die Ausstellung in den Räumlichkeiten der Drostei in drei Stockwerken weiter: Die teilweise großformatigen, geradezu cineastischen Malereien von Edwin Zaft entführen die Besucher in urbane Landschaften, die nur schwer zwischen Dystopie und Utopie einzuordnen sind. Gerade diese Ungewissheit wirft einen spannungsgeladenen Blick in die Zukunft: blasse Menschenmassen, monochrome Ruinenfelder und Gebäude-Trümmer verschmelzen in Edwin Zafts Arbeiten zu abstrakten Texturen, welche die Trennung von Mensch und Architektur aufheben und diese als „urbane Masse“ zusammenführen. In diesem Kontext beschreibt der Künstler den Moment, in dem alles zusammenfällt, gleichzeitig als den Moment, in dem sich alles neu ordnet.

In Korrespondenz dazu türmen sich in einem weiteren Raum modulare Wolkenkratzer-Skulpturen aus Acrylglas zu einer raumfüllenden Installation auf: die interaktive Lichtinstallation „FlexiPolis“ von Tobias Zaft ist mit vielen hundert LEDs bestückt und wurde vom Künstler in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Wedel im Studiengang „Smart Technologies“ entwickelt. Per Smartphone können die Besucher mit der „Geisterstadt“ in Interaktion treten und ihr durch dynamische Lichtchoreografien virtuelles Leben einhauchen.

Die zunehmende Verschmelzung des Menschen mit digitalen Welten wird in der Ausstellung weiter in der Serie „Thinktanks“ von Tobias Zaft vertieft. Diese mehrlagigen Wandobjekte erinnern an hybride Lebensformen aus einem Science-Fiction Film in einer Symbiose von Technologie und Biologie. Diffizil verästelte Synapsen umspielen amorphe Wachstumsgebilde, deren metallisch beschichtete Oberflächen an Leiterplatinen erinnern und von feinen Datenautobahnen überzogen sind. Diese „Denkfabriken“ sind nach Aussage des Künstlers eine Neuübersetzung von „KI“ als künstlerische Intelligenz anstelle von künstlicher Intelligenz.

Die rasante technologische Entwicklung und die bevorstehenden Auswirkungen des Klimawandels werden unsere Gesellschaft massiv verändern, doch niemand kann zuverlässig sagen, wie die Gesellschaften von morgen aussehen werden, da die Zukunft viele Optionen offen hält. Ein passendes Bild dazu liefern Edwin Zafts orientierungslosen Menschengruppen, in denen jedes Individuum eine andere Richtung einschlägt. Oder sind die dichtgedrungenen Menschen bereits die Geister aus der Vergangenheit?

edwinzaft.com / tobiaszaft.com